Reisefieber: Bekenntnisse eines Routinemenschen
- the_writing_cat
- 7. Aug. 2023
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Sept. 2023
Wer mich gut kennt, weiß: Ich liebe meine Routinen, vorgeplante Events mit wenig Pannenpotenzial, die immer gleichen Lebensmittel im Vorratsschrank, mein eigenes Bett und den konstanten Rhythmus des Alltags. Mancher nennt das Langeweile, ich nenne es Sicherheit. Der alljährliche Familienurlaub mit Wohnmobil und Beistellzelt stellt für mich daher immer eine Herausforderung dar – und ist doch bereichernd. Die diesjährige Campingreise in zehn Phasen.

Phase 1: Wohin soll es gehen?
„Wir könnten doch auch mal wieder nach Frankreich … Südfrankreich, wo wir schon mal waren“, schlägt mein Mann vor. Ich denke nach. „Bisschen weit mit zwei Kindern im Wohnmobil, oder? Bretagne vielleicht … Oder die Niederlande oder Belgien.“ Zugegeben, Reisen mit mir war in einem früheren Leben mal einfacher und aufregender. Also in einem Leben, bevor wir Kinder hatten und nur zwei Koffer und ein Auto oder Flugticket unterwegs brauchten. Die Nachbarländer, Südeuropa … auch Mexiko war immer ein Reisetraum von mir.
Doch vor diesem Langstreckenflug kam die Familienplanung dazwischen. Seitdem hat sich unser Radius extrem verkleinert. Und es ging dieses Jahr ganz bescheiden nach Köln, um auf einem kleinen Campingplatz unser Lager aufzuschlagen und mit dem E-Bike meine Verwandten in der Stadt zu besuchen. Die kleinen Schritte würdigen … immer eine gute Idee, wenn man sich selten aus seiner bekannten Umgebung heraus traut.
Phase 2: Vorfreude auf die Ferien
Etwas anderes sehen und auch (un)bekannte Gesichter. Das wird spannend! Wer weiß, welche Menschen wir treffen, was wir alles erleben und was meine Verwandten zu erzählen haben. Wochen vorher verschaffe ich mir einen Überblick, was man am Zielort mit Kindern (!) am besten unternehmen kann. Denn so fallen schon einmal ein paar Möglichkeiten weg. Das Nachtleben zum Beispiel … allzu schicke Restaurants ohne Spielmöglichkeiten und typische „Erwachsenenmuseen“.

Phase 3: Reiseplanung und ganz viel Packen
Ich weiß nicht, warum es so ist – aber wenn es auf Reisen geht, mutiere ich zu einer Kopie von Marie Kondo. Naja, nicht ganz, ich falte meine Wäsche im Koffer, anstatt sie zu rollen. Mit Packlisten zum Abhaken, eindeutigen Labels für die Koffer, Vorratsplanung für die Zeit auf dem Campingplatz, um ja nicht in einem fremden Supermarkt einkaufen zu müssen. Schließlich kenne ich mich da ja nicht aus und will im Urlaub schönere Dinge tun als Lebensmittel einzukaufen und nach einer Apotheke zu suchen!
Und seit dem vergangenen Jahr weiß ich auch: Ersatzbettwäsche und ein Koffer nur mit Handtüchern können sehr hilfreich sein. Da hat uns nämlich ein Mini-Infekt erwischt, der komplett zum Kotzen war und wir mussten einen halben Tag mit Waschen von Bettwäsche vergeuden. Ich fange fast eine Woche vorher mit den ersten Koffern an, peu à peu, immer ein weiteres Gepäckstück. 48 Stunden vor der Reise sind alle wichtigen Dinge gepackt, einen ganzen Tag vorher alle Gepäckeinheiten im Wohnmobil verstaut.

Phase 4: Der berüchtigte Panikausbruch …
In der Nacht vor Reisen schlafe ich schlecht. Das ist ausnahmslos immer so. Mich treiben dann Zweifel um und Fragen wie: Warum zur Hölle lass ich dieses Reiseding nicht einfach mal sein und bleib mit dem Hintern zu Hause? Dann ist der Abreisetag da. Im Grunde ist alles eingepackt, der Haustürschlüssel für die Nachbarin abgegeben, die die Katzen füttern wird. Man könnte sagen, wir sind bestens vorbereitet, in meinem Kopf rotiert trotzdem eine Achterbahn. Sodass es irgendeine Kleinigkeit schafft, mich komplett aus der Fassung zu bringen. Ist es das Spielzeug, das meine ältere Tochter unbedingt noch suchen und mitnehmen will? Ein Trotzanfall der jüngeren Tochter? Oder der Kommentar meines Mannes, dass eine ganze Kiste Mineralwasser doch gar nicht sein müsste?
Ernsthaft, ich weiß es wirklich nicht, was mich dazu bringt, in Tränen auszubrechen und alles und jeden als Feind zu betrachten. Ich verstehe es selbst nicht. Vermutlich ist „gewohnte Gefilde verlassen“ so ein Trigger, der bei einem eingefleischten Gewohnheitstier die Sicherungen durchbrennen lässt. Und die Anspannung von Wochen mit all diesem Entscheiden, Abwägen, Vorbereiten und Planen bricht sich in einem heftigen Gefühlsgewitter Bahn. Nach ein paar Minuten heftiger Konflikte und gegenseitiger Vorwürfe hat sich der Sturm aber wieder gelegt, alle Beteiligten haben sich entschuldigt und geeinigt. Das eigentlich ziemlich zivilisierte Campingabenteuer kann losgehen.

Phase 5: Aufbruchstimmung und Ankommen
Alle sitzen im Wohnmobil, die Haustür ist abgeschlossen, die Katzen sind versorgt … Das Wohnmobil rollt an und wir sind auf dem Weg. Das ist jedes Mal der Moment, in dem mein Kopf von „Angst“ auf „freudige Spannung“ umschaltet. Ein paar Voraussetzungen mussten natürlich erfüllt sein, klar. Optimale Reisevorbereitung und das eigene Kopfkissen zum Beispiel. Ohne meine eigenen Kissen reise ich nirgendwo mehr hin – nicht einmal zum Übernachten zu Verwandten. Am allerliebsten hätte ich mein eigenes Bett mitgenommen, aber das geht natürlich nicht. Nach nicht einmal drei Stunden Fahrt „landen“ wir am Zielort. Der Campingplatz liegt idyllisch am Waldrand gelegen und ist kleiner, als ich ihn erwartet hatte.
Was sehr praktisch ist, denn so können wir die Kinder gleich auf den Spielplatz gehen lassen, der sich in Sichtweite unserer „Heimat auf Zeit“ befindet. Ein Gang zur Toilette, ein Eis für die Kinder vom Kiosk und ran ans Aufbauen und an das Entladen des Anhängers mit den Fahrrädern drin. Im Gegensatz zur Abfahrtsphase läuft alles routiniert und friedlich ab, jeder Handgriff ist seit Jahren eingeübt und sitzt. Wir fahren schließlich nicht zum ersten Mal campen. Es dauert auch nicht lange, bis unsere Töchter die ersten Spielkameraden auf dem Spielplatz finden. Abends gibt es eine Konserve – wie meistens beim Camping. Routinen sind hier eben viel puristischer, aber wir kommen schnell wieder rein.

Phase 6: Eine weitere schlaflose Nacht
Irgendwann ist es Zeit zum Schlafen. Während mein Mann und die Kinder schon schlummern, bin ich noch eine Weile wach, sitze am Zelt, beobachte die Leute und plane den nächsten Reisetag. Mein Onkel will vorbeikommen und wir wollen gemeinsam überlegen, was wir in Köln unternehmen. Das erfordert ein wenig Internetrecherche. Gegen Mitternacht versuche auch ich es mit dem Schlafen.Wohlgemerkt,versuche es – denn ich leide sehr ausgeprägt unter dem, was man den „First Night Effect“ nennt.
Während der ersten Nacht in fremder Umgebung, auf einer ungewohnten Matratze und einem irgendwie auch etwas zu kurzen Bett im Wohnmobil bekomme ich also kaum ein Auge zu. Dreimal stehe ich zwischendurch wieder auf, zweimal davon, um ins Waschhaus zu gehen. Ich werde am nächsten Tag sehr müde sein, das weiß ich. Gut, dass wir noch keine großen Ausflüge geplant haben und nur ins angeschlossene Waldbad wollen. Dann gibt es eben einen Becher Kaffee mehr-Und ich weiß: Es wird besser, spätestens am dritten Tag, wenn auch mein vegetatives Nervensystem komplett in der neuen Umgebung „angekommen“ ist.

Phase 7: Neue Routinen und erste Erkundungen
Nach einer überstandenen ersten Nacht beginnt ein neuer Alltag. Es ist sehr wichtig für mich, von Anfang an am Urlaubsort feste Strukturen aufzustellen, um die Reise genießen zu können. Im Laufe des Tages festigt sich auch eine gewisse Routine. Wer geht spülen und wie oft? Wann macht die Kleine ihren Mittagsschlaf? Und sind die E-Bikes startklar für den ersten Ausflug? Wo und wann bekommt man die kostenlosen Tickets fürs Freibad? Zwischendurch: Abstimmen, wer von der Verwandtschaft wann Zeit hat, welche Unternehmungen man am besten zusammenfassen kann und den Wetterbericht checken. Ab Tag 3 geht es dann los mit den ersten Ausflügen. Auch hier muss ich mich erst einfinden und zu vielen Dingen überwinden.
Als eher wenig routinierte Radfahrerin habe ich eigentlich ständig Angst, mich zu verfahren. Und auch manche Streckenabschnitte jagen mir mächtig Angst ein. Kopfsteinpflaster, Rampen, unebene Nebenstrecken und Engstellen. Oft schiebe ich lieber, anstatt meinem schlecht ausgeprägten Gleichgewichtssinn zu vertrauen. Zum Glück hat mein Mann die beiden Kinder mit im Fahrradanhänger und einen Orientierungssinn wie eine Brieftaube. Streckenplanung und Fahrradwartung sind sein Ding – die Zielrecherche meins. Ich bin froh, wenn ich einfach nur hinterherfahren kann und unbeschadet am Ziel ankomme. Aber aufgeben ist keine Option. Es wird besser werden – ebenso wie der Schlaf in fremder Umgebung.

Phase 8: Endlich halbwegs im Flow
Tatsächlich nimmt mit jedem Tag auf dem Campingplatz die Gelassenheit zu und in sehr kleinen Schritten traue ich mich auch, nicht bei jeder Engstelle und jedem holprigen Weg gleich vom Rad abzusteigen und es zumindest zu versuchen. Ohne mein Navi namens „Chris“ wäre ich bei dem verwirrenden Zickack-Kurs, den wir fahren, trotzdem ziemlich verloren. Die Kinder fühlen sich pudelwohl und haben inzwischen ihre eigene „Gang“ auf dem Spielplatz. Jeden Tag sehen wir Leute an- und abfahren und sind froh, dass wir noch nicht wieder dran sind mit dem Einpacken und Abbauen. Wir treffen uns noch mit ein paar Verwandten, selbst ein Starkregentag hält uns nicht davon ab, aufs Rad zu steigen und die Stadt zu erkunden. Nur ärgerlich, kein Shampoo in der Tasche zu haben.

Phase 9: Tschüss, Urlaub!
Nach eineinhalb Wochen ist es Zeit, die Zelte wieder abzubrechen und nach Hause zu fahren. Noch ein letzter Ausflug zum schwer zugänglichen, aber wunderbar sauberen Badesee ein paar Kilometer weiter, die Bikes wieder verstauen und sich auf die letzte Übernachtung sowie die Rückfahrt nach Hause vorzubereiten. Am letzten Vormittag wird gepackt und die Adresse mit all jenen Kindern ausgetauscht, mit denen unsere sich angefreundet haben. Ein wenig traurig ist es schon, dass der Campingurlaub vorbei ist – aber jede Unternehmung hat sich gelohnt und wir kennen wieder einen schönen Campingplatz mehr.
Schließlich, nach mehrstündiger Abbau- und Räumarbeit, fahren wir vom Platz und werfen noch einen letzten Blick auf unseren Standort zwischen zwei Bäumen. Schon heute Nachmittag werden hier wahrscheinlich neue Camper stehen. Bereits wenige Kilometer später hat mich der Alltag wieder. Feechens Geburtstagsfeier will auf einen Termin verschoben werden, an dem auch ein Großteil ihrer Gäste nicht im Urlaub ist. Wir brauchen einen Wartungstermin für eine unserer Waschmaschinen, die zwei Stunden vor Abfahrt den Geist aufgegeben hatte und alles, was wir eingeräumt haben, möchte auch wieder an seinen alten Platz zurückgebracht werden.

Phase 10: Homecoming
Es dauert wieder etwa drei Stunden, bis wir an unserem Haus ankommen. Eigentlich wollten wir auf direktem Weg zu den Schwiegereltern weiterfahren, aber einige Notwendigkeiten wie ein Kurzschluss am Garagentor zwingen uns zu einer „Zwischenlandung“. Außerdem würden wir das ganze Bettzeug und andere sperrige Dinge nicht ins Auto hineinbekommen, das mein Schwager im Austausch gegen das Wohnmobil zwei Tage vor Abfahrt mitgenommen hat. Zwei weitere Gründe, um zwei Nächte „zwischenzuhalten“, kommen mir auf dem Weg zur Haustür entgegen.
“Miauuuuu!“, machen Mira und Maya und schnurren mir um die Beine. Mira wirft sich vor Freude auf den Rücken, um gestreichelt zu werden. Mein erster Weg, nachdem das Wohnmobil ausgeräumt ist und alle Gepäckstücke in den richtigen Zimmern stehen, führt zu den noch funktionierenden Waschmaschinen. Beim ersten Gang durch das Haus denke ich ein wenig ironisch: „Wow, zwei Bäder, zwei Toiletten, drei Schlafzimmer, Spülmaschinen … was ist denn das für ein Fünf-Sterne-Ferienschuppen hier?“. Und dann witzele ich zu meinem Mann: „Na, hoffentlich renne ich jetzt nicht mitten in der Nacht zum Nachbarn, weil ich das Waschhaus suche“. So sehr Gewohnheitsmensch, wie ich es bin, könnte mir das glatt passieren. Und nach eineinhalb Wochen in der komprimierten Welt eines Campingplatzes kommt einem das eigene Zuhause im Vergleich ziemlich groß vor.

In dieser Nacht schlafe ich wieder auf meiner eigenen Matratze, mit einem Kleinkind links und einer Katze rechts von mir. Gehe in mein privates Badezimmer und morgens an einen echten Kleiderschrank. Aber allzu sehr daran gewöhnen darf ich mich nicht – denn schon zwei Tage später geht es weiter zu den Schwiegereltern. Maya sitzt neben den frisch gepackten Koffern im Flur und maunzt einmal fragend.Als wolle sie mir sagen: “Was, du fährst weg? Schon wieder?“ Auch Mira wirkt ein wenig verwirrt. Ich streichele beide einmal ausgiebig und betrachte das Gepäck, das diesmal viel kleiner ausfällt. „Keine Sorge“, schmunzele ich, „Sarah* passt auf euch auf. Und es sind auch nur drei Tage. Versprochen.“

Wie ist das bei euch mit dem Reisen? Fällt es euch leicht, euch an neue Umgebungen und Alltagsabläufe am Zielort zu gewöhnen? Und was findet ihr am Reisen (mit oder ohne Kinder) richtig anstrengend?
Viele Grüße
Eure Cat
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